Die Bullen plündern, ich ziehe weiter

In München wurde heute kein REWE, sondern ein Umsonstladen geplündert. Nicht durch den „schwarzen Block“, sondern durch Einsatzkräfte der Polizei.

Unmittelbar von den Plünderungen betroffen: Ich. Die Bullen haben mich zwar nicht erwischen können (ich bin durch die Hintertür entwischt), aber jetzt muss ich mir wieder eine neue Bleibe suchen. Dabei war ich doch erst vor wenigen Stunden in das „Schnitzelhaus“ eingezogen.

Wem die Bullen mit ihren Plünderungen geschadet haben: Uns allen, denn ich stehe für die Überzeugung, allen Menschen das zu gewähren, was sie benötigen, unabhängig von einer Gegenleistung.

Aber auch wenn mich die Bullen plündern, der Staat mich durch seine Repressionsorgane verfolgt und verleumdet und mir Räume, die ich mir erkämpfe, sofort streitig gemacht werden, ich werde wieder auftauchen!

Und ihr könnt mich dabei unterstützen: Alles, was ich brauche, ist ein leer stehendes Gebäude und ein paar Umzugshelfer_innen. Ach ja: Und ein paar neue Möbel wären nicht schlecht 🙂

Pressemitteilung zur Besetzung des „Schnitzelhauses“ im Münchner Westend am 22.07.2017

Das sogenannte „Schnitzelhaus“ im Münchner Westend (Holzapfelstraße 10) heißt ab sofort Für LⒶu Haus. Aktivist*innen besetzten das Gebäude in den frühen Morgenstunden und richteten darin einen Umsonstladen ein, der ab sofort Anwohner_innen ebenso wie allen anderen Menschen offen steht.

Das „Schnitzelhaus“ ist den Menschen im Westend schon länger als „Schandfleck“ bekannt. Gemeinsam mit dem gegenüberliegenden „Döner macht Schöner“-Haus (Schwanthalerstraße 119) ist das „Schnitzelhaus“ im Viertel ein Dauerthema im Bezirksausschuss und auch auf der Bürger_innenversammlung wurde es bereits angesprochen: Ohne jeden Erfolg. Die Stadt weigert sich, die Namen der_s Eigentümer_in preiszugeben.

Dabei regte sich in der Vergangenheit bereits mehrfach Widerstand gegen die Verwahllosung der beiden Häuser. Mehrere Transparente, die von Aktivist*innen an der Fassade des Schnitzelhauses, aber auch an dem danebenstehenden „Döner macht schöner“-Haus angebracht wurden, drohten bereits in der Vergangenheit mit einer Besetzung des Hauses bzw. der Häuser, sollten diese weiter leer stehen. Ohne Erfolg!

Bei einem Straßenfest des Bündnisses „Voll gegen Leerstand“ vor den beiden leer stehenden Häusern wurden die Anwohner_innen nach ihren Ideen für eine Nutzung der Leerstände befragt. Diese Ideen wurden daraufhin der Stadt per Postkarte übermittelt, doch getan hat sich seither nichts.

Jetzt haben Aktivist_innen das „Schnitzelhaus“ besetzt, um darin einen Umsonstladen einzurichten. „Für LⒶu Haus“ nennen sie ihn. In ihrer Erklärung beklagen sie die Abwesenheit „unkomerzieller Räume“ in München, ebenso wie steigende Mieten, die Unterbringung von „Geflüchteten in Zelten und Containern“, sowie die Verdrängung von „Sozialhilfe-Empfänger_innen in die Außenbezirke der Stadt“. Mit ihrer Besetzung des „Schnitzelhauses“ wollen sie andere dazu anregen, dieses Haus ebenso wie weitere Leerstände in München zu nutzen.

In der Nacht von Freitag auf Samstag richteten die Aktivist_innen nicht nur einen Umsonstladen im „Schnitzelhaus“ ein, sie verteilten auch Flyer im gesamten Viertel, um auf ihre Besetzung aufmerksam zu machen.

An den_die Eigentümer_in stellen die Besetzer_innen „weder Erwartungen, noch irgendwelche Forderungen“. Andere Gruppen und Bündnisse hätten diesen Dialog zuvor bereits erfolglos gesucht. Jetzt sei es an der Zeit, diesen Leerstand „nicht länger zu akzeptieren“, so die Aktivist_innen.

Dabei stehen die Chancen für eine erfolgreiche Hausbesetzung in München nicht gerade rosig. Im Jahr 2007 hatten drei Hausbesetzer_innen ein Haus in der Westendstraße für sich in Beschlag genommen. Nach der brutalen Räumung durch die Polizei wurden sie festgenommen und später zu einer Haftstrafe verurteilt.

Ob die Besetzung des „Schnitzelhauses“ diesmal erfolgreicher sein wird, hängt wohl von der Mithilfe der Anwohner_innen ab.

Aktionserklärung zur Besetzung des „Schnitzelhauses“ im Münchner Westend am 22.07.2017

Hiermit erklären wir das „Schnitzelhaus“ (Holzapfelstraße 10) im Münchner Westend für besetzt!

Während in München ebenso wie in anderen Städten die Mieten steigen, Geflüchtete in Zelten oder Containern leben müssen, Obdachlose keine Unterkunft finden können und Sozialhilfe-Empfänger_innen zunehmend weiter in die Außenbezirke der Stadt verdrängt werden, stehen in der Münchner Innenstadt zahllose Gebäude ungenutzt leer. Dabei ist nicht nur Wohnraum ein knappes Gut in der Stadt, sondern auch unkommerzielle Räume gibt es in München kaum. Das sind Räume, in denen auch Menschen verkehren können, die sich den Konsum von Speisen und Getränken zu Restaurantpreisen nicht leisten können. Diese Menschen werden so vom öffentlichen Leben systematisch ausgeschlossen und stehen in der Gesellschaft zunehmend isolierter da.

Das ist ein Symptom einer Gesellschaft, die sich vollständig über Tausch und Eigentum organisiert. Auch wenn ein Haus auf der einen Seite leer steht und Menschen auf der anderen Seite ein Obdach suchen, ist es keineswegs selbstverständlich, dass diese in dem Haus wohnen können. Gleiches gilt auch für andere Gegenstände: In Kellern, auf Dachböden und in den hinteren Ecken der Schränke verstauben unbenutzte und unbenötigte Dinge. Nur deswegen, weil sie mal teuer waren. Wäre es nicht besser, wenn diese Dinge anderen Menschen, Menschen, die diese auch verwerten können, zugänglich gemacht werden würden? Ganz ohne eine Gegenleistung dafür zu verlangen? Diesem Gedanken folgt die Idee eines Umsonstladens: Hier kann jede_r Gegenstände, die er_sie nicht mehr benötigt, hinbringen und alle diejenigen, die einen der Gegenstände benötigen, können ihn wieder mitnehmen.

Im ehemaligen „Schnitzelhaus“ wollen wir diesem gesellschaftlichen Missstand begegnen: In der ehemaligen Gaststätte im Erdgeschoss haben wir dem Für LⒶu Haus deshalb ein Zuhause eingerichtet. Damit haben wir den ersten Raum dieses riesigen Gebäudes besetzt. Eigentlich nicht den ersten: Das Obergeschoss wurde bereits durch einige Tauben besetzt. Trotzdem bleibt jede Menge Raum für weitere Ideen.

Das Für LⒶu Haus versteht sich dabei nicht nur als Umsonstladen, sondern auch als eine Anlaufstelle für Menschen, die dieses Haus gemeinsam gestalten und weiteren Menschen zugänglich machen wollen.

An den_die Eigentümer_in haben wir weder Erwartungen, noch stellen wir irgendwelche Forderungen. In der Vergangenheit haben verschiedene Gruppen und Bündnisse auf diesen Leerstand aufmerksam gemacht und den Dialog mit dem_der Eigentümer_in gesucht. Eine Reaktion blieb aus. Wir akzeptieren diesen Leerstand nicht länger.

Die Häuser denen, die drin wohnen!