Aktionserklärung zur Besetzung der ehemaligen Kuvertfabrik in der Landsbergerstr. 444 in Pasing

Hiermit erklärt das Für LⒶu Haus die Kuvertfabrik in der Landsbergerstr. 444 in München-Pasing für besetzt.

Nachdem es gestern aus der Bodenseestr. 28 vertrieben worden war, hat das Für LⒶu dieses Mal zum Glück gleich in der Nähe noch ein leerstehendes Gebäude gefunden und es sich dort gemütlich gemacht: Die ehemalige Kuvertfabrik in der Landsbergerstr. 444. Ein paar Gegenstände aus dem letzten Umsonstladen hat es dabei retten können und hat sie im neuen Gebäude deponiert. Auch hier sind alle herzlich eingeladen, sich umzusehen und Gegenstände vorbeizubringen oder mitzunehmen.

Nachdem es Ende Juli das Schnitzelhaus im Münchner Westend (Holzapfelstr. 10) und Anfang September die Meinburk in der Münchner Maxvorstadt (Seidlstr. 15) besetzt hatte und bereits dort von der Polizei geplündert und verjagt wurde, hatte es erst gestern seine Neueröffnung in der Bodenseestr. 28 in München-Pasing gefeiert. Doch auch hier wurde es bereits innerhalb weniger Stunden vertrieben.

Nun also die Kuvertfabrik. Auch hier bleiben wir bei dem Thema Gentrifizierung und fehlenden Freiräumen. Die Kuvertfabrik hat schon einige Häuserkämpfe hinter sich. Von 1998 bis Anfang 2015 bot sie Ateliers für Künstler_innen und Seminarräumen Platz. 2010 erwarb die Münchner Grundvermögen das Gebäude. Als sie die Kuvertfabrik 2011 abreißen lassen wollte, kämpften Anwohner_innen und Nutzer_innen darum, das Haus zu erhalten. Tatsächlich gelang es ihnen, das Hauptgebäude unter Denkmalschutz stellen zu lassen. Anfang 2015 mussten die Nutzer_innen dennoch raus, um dem Umbau der Kuvertfabrik in Loftwohnungen Platz zu machen. Ein Alternativkonzept der Künstler_innen, das die Kuvertfabrik zu einem großen Kulturzentrum ausbauen und Leben, Kunst und Arbeiten verbinden wollte, schlug die Münchner Grundvermögen aus. Seitdem steht das Gebäude leer, das Pförtnerhäuschen und die angrenzende Landsbergerstr. 446, die ebenfalls Künstler_innenateliers beherbergte, sind heute bereits abgerissen.
Seit Jahren beklagen Künstler_innen ihre Verdrängung aus der Stadt, weil sie keine bezahlbaren Ateliers mehr finden. Einige Jahre lang war die Kuvertfabrik ein Ort, den Menschen als Freiraum wahrgenommen und geschätzt haben. Seit fast drei Jahren steht das Haus nun leer. Teure Loftwohnungen sollen wahrscheinlich künftig in dem Haus die Ateliers und Seminarräume ersetzen.

Loftwohnungen sind ein Paradebeispiel für Gentrifizierungsprozesse. Ursprünglich dazu gedacht, alte leerstehende Fabriken in günstigen Wohnraum umzuwandeln, sind Loftwohnungen heutzutage luxussanierte Eigentumswohnungen für Menschen mit dem entsprechenden Geldbeutel. Dadurch befördern solche Bauprojekte die Verdrängung all der Menschen aus dem Viertel und der Stadt, die sich explodierende Mietpreise nicht mehr leisten können. Gleichzeitig wird durch die Umwandlung von ursprünglichen Gewerbebauten in reine Wohngebäude Raum für eine unkommerzielle gemeinsame Nutzung, die auch Wohnen mit öffentlichem Leben verbindet, zerstört. Die Kuvertfabrik war ein Haus, das Raum für Ateliers, Seminar- oder Partyräume, Werkstätten und anderen Orten kulturellen, künstlerischen und öffentlichen Lebens bot und immer noch bieten könnte. Seit fast drei Jahren bietet sie gar nichts mehr.

Trotzdem ist es wichtig zu betonen, dass Immobilienunternehmen wie die Münchner Grundvermögen ebensowenig für Gentrifizierungsprozesse verantwortlich sind, wie Spekulant_innen oder gar die neuen Eigentümer_innen oder Mieter_innen. Gentrifizierung ist ein Prozess den Politik und Bevölkerung maßgeblich mitverantworten. Gentrifizierung ist nichts anderes als die überall in unserer Gesellschaft wirkenden Gedanken des Eigentums und des Tausches, die Menschen auf zahlreichen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens diskriminieren. Der Kampf gegen Gentrifizierung kann unserer Auffassung nach also nur als ein Teil des Kampfes gegen kapitalistische Herrschaftsverhältnisse, als Teil des Kampfes gegen Eigentum und das weitverbreitete Tauschprinzip erfolgreich sein.

Die Tatsache, dass wir keine Erlaubnis der_des Eigentümer_in des Grundstücks in der Landsbergerstraße dafür haben, in dem Gebäude einen Umsonstladen einzurichten, begreifen wir als eine Selbstermächtigung gegenüber dem kapitalistischen Eigentumsgedanken. Wir verstehen nicht, warum ein leer stehendes, ungenutztes Gebäude nicht von allen genutzt werden sollte, nur weil das irgendjemensch verbietet. Wir verstehen auch nicht, warum Menschen das Recht haben, Nutzer_innen eines Gebäudes hinauszuwerfen und dieses dann ungenutzt verfallen zu lassen. Wir verstehen nicht, warum Flächen, die für öffentliches Leben so wunderbar geeignet sind und dafür auch bereits genutzt wurden, Wohnungen weichen sollen, die nur für wenige bezieh- und nutzbar sind.

Den in der Landsbergerstr. 444 eingerichteten Umsonstladen verstehen wir als einen weiteren Baustein im Kampf gegen Eigentum- und Tauschgedanken. Hier kannst du Dinge, die du nicht mehr benötigst hinbringen und findest vielleicht einige Dinge, die du benötigst, schön findest, oder einfach nur haben willst. Aber hier herrscht kein Tauschzwang! Alle dürfen sich hier bedienen, egal ob sie etwas anderes mitgebracht haben oder nicht. Das ist eine Überwindung kapitalistischer Prinzipien im Kleinen, aber wenn dir die Idee gefällt, dann hilf mit, viele solcher Orte zu schaffen, an denen wir die kapitalistische Herrschaft im Kleinen überwinden!

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