Aktionserklärung zur Besetzung der ehemaligen „Meinburk“

Hiermit erklärt das Für LⒶu Haus die ehemalige „Meinburk“ in der Seidlstraße 15, München für besetzt!

Heute ist Tag X.

Nachdem das Für LⒶu Haus am 22. Juli 2017 in das Schnitzelhaus im Münchner Westend eingezogen war und noch am selben Tag von plündernden Bullen wieder vertrieben worden war, kehrt es nach großer Ankündigung am heutigen Tag X zurück und bezieht die Räumlichkeiten der ehemaligen „Meinburk“ in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof. Zugleich ruft das Für LⒶu Haus alle seine Unterstützer_innen ab sofort zum massenhaften Cornern vor der Seidlstraße 15 auf.

Bereits am frühen Morgen hatten Aktivist_innen in der Grafinger Straße 24 A in unmittelbarer Nähe zum Ostbahnhof ein Transparent mit der Aufschrift „Tag X // B’setzt is!“ entrollt, um Polizist_innen bereits vor der eigentlichen Besetzung auf eine falsche Fährte zu locken. In dem Gebäude in der Grafinger Straße 24 A hatten die Aktivist_innen auch einen Parcour bestehend aus Barrikaden, Hinweisschildern, usw. für die anrückenden Bullen aufgebaut, der diese wohl einige Zeit in Atem gehalten haben dürfte.

Während bei der Aktion am 22. Juli 2017 vor allem die Wohnungsnot in München im Zentrum der Kritik stand, sollen diesmal hauptsächlich Freiräume thematisiert werden. Dazu eignet sich der ehemalige Club „Meinburk“ hervorragend: Von der Abendzeitung wurde diese ehemalige Partylocation als „Trainingslager fürs P1“ [1] bezeichnet. Gäste waren Menschen mit einem durchschnittlichen Budget von 1.000 Euro für das Wochenende, die sich für etwa diesen Preis gerne eine Sechs-Liter-Flasche Schaumwein gönnten [2]. Kurz: Die „Meinburk“ war kein Ort für alle, sondern vor allem ein Ort, an dem die Reichen Münchens verkehren konnten [3].

Dabei steht die „Meinburk“ nur beispielhaft für die Verdrängung von Menschen mit keinem oder nur geringem Einkommen aus München [4]. Das spielt sich nicht nur auf der Ebene der Mietpreise ab, die im deutschlandweiten Vergleich mit einer Durchschnittsmiete von 15,18 Euro/qm im gesamten Stadtgebiet auf Platz 1 vor Frankfurt am Main (Platz 2) und Stuttgart (Platz 3) liegen [5], sondern auch auf der Ebene der Lebenshaltungskosten findet eine Verdrängung von Menschen mit keinem, geringem und durchschnittlichen Einkommen statt. Gerade was die Teilhabe der Menschen am öffentlichen Leben angeht, gibt es in München kaum unkommerzielle Alternativen. So sind all diejenigen, die es sich nicht leisten können, regelmäßig zwischen 7 und 15 Euro für einen Cocktail oder auch nur 3,60 Euro für einen halben Liter Bier – oder ein anderes Getränk – zu bezahlen, ganz zu schweigen von den Restaurantpreisen für Speisen, vom sogenannten „Ausgehen“ verbannt.

Alternativen gibt es so gut wie keine. Bei schönem Wetter im Sommer lässt sich in Parks und an der Isar beobachten, wie groß der Bedarf der Menschen nach unkommerziellen Räumen ist. Handtuch an Handtuch, Decke an Decke drängen sich die Menschenmassen im Englischen Garten oder an der Reichenbacher Brücke, ebenso wie an zahlreichen anderen beliebten Orten Münchens, auf der Suche nach unkommerziellen Alternativen zu Restaurants und Biergärten. Nachts kommt es dann zu zahlreichen Anzeigen wegen Ruhestörungen, weil die Menschen auch unkommerzielle Alternativen zu kommerziellen Clubs suchen und deswegen auf der Straße feiern.

Doch nicht nur die Verdrängung zahlreicher Menschen aus finanziellen Gründen führt zu Problemen in kommerziellen Räumen. Auch die mangelnde Teilhabe der Menschen an deren Gestaltung und Verwaltung ist problematisch. Sexismus ist in beinahe allen kommerziellen Clubs ein echtes Problem. Gerade Frauen* werden dort (gewollt und ungewollt) zu bloßen Objekten stilisiert. Sexuelle Übergriffe, wie beispielsweise Angrabschen oder nicht konsensuales Antanzen ebenso wie körperliche Aufdringlichkeit, gehören zur – von (fast) allen wahrgenommenen und akzeptierten – Tagesordnung. Sicher, auch das Nachtleben ist nur ein Abbild unserer sexistischen Gesellschaft, doch die bewusste Degradierung von Frauen* zum Objekt findet nicht erst auf der Tanzfläche statt. Die Werbung für Clubs und Abendveranstaltungen wird häufig durch sexuell aufgeladene Darstellungen von Frauen* transportiert, Sexuelle Übergriffe in Clubs werden von den Betreiber_innen häufig nicht ernst genommen und schon gar nicht aufgearbeitet und auch in der in Clubs gespielten Musik findet sich Sexismus in beinahe jedem Stück. Insgesamt wird die gesamte Party-Kultur dadurch sexualisiert, ein „Ausgehen“ außerhalb (heteronormativen) Balzgebahrens ist kaum möglich. Auch wenn sicherlich nicht nur kommerzielle Interessen hinter einer solchen Aufmachung von Clubs stehen, sondern auch der in der Gesellschaft internalisierte Sexismus, stehen mangelndes Mitbestimmungsrecht der Besucher_innen im Hinblick auf Gestaltung und Verwaltung einer effektiven Bekämpfung von Diskriminierungen wie Sexismus in kommerziellen Räumen im Weg.

Um der Verdrängung von Menschen ohne ausreichendes Einkommen aus dem öffentlichen Leben in München etwas entgegenzusetzen, ebenso wie den in kommerziellen Räumen gängigen, anderweitigen Diskriminierungen – zum Beispiel Sexismus, Rassismus oder Agesimus – begegnen zu können, fordert das Für LⒶu Haus die Schaffung von Freiräumen in München. Dabei ist klar, dass wir uns diese Freiräume selbst nehmen müssen.

Der öffentliche Raum gehört allen, weder nur denen, die Kohle dafür haben, noch nur denen, die mit den an der Tagesordnung befindlichen Diskriminierungen leben können oder nicht von ihnen betroffen sind. Gemeinsam mit euch erkämpft sich das Für LⒶu Haus öffentliche Räume zurück.

Kommt vorbei und feiert mit dem Für LⒶu Haus seine Welcome Back Party. Unkommerziell und Diskriminierungsfrei!

PS: Bringt Bier und andere Getränke (gerne auch solche ohne Alkohol), sowie Snacks für euch und andere mit [6]!

Anmerkungen

[1] Vgl. http://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.club-in-der-maxvorstadt-meinburk-muss-schliessen-wir-sind-sehr-traurig.ddd9f212-4a62-4d67-8939-475a15749a6b.html

[2] Siehe http://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.leute-sauber-schluerfen-mit-meister-p-r-opper.2aa78228-6454-4b99-85aa-22389e394a1f.html

[3] Die Abendzeitung berichtete 2014 von einer Party für rund 250.000 Euro in der „Meinburk“: http://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.club-in-der-maxvorstadt-meinburk-feiern-fuer-250000-euro.c06af589-ef80-4def-bb24-20f72a960648.html

[4] Zunehmend stärker können sich jedoch auch Menschen mit mittlerem Einkommen die Stadt München nicht mehr leisten. Auch Polizist_innen sind davon betroffen und somit gezwungen, Nebenjobs anzunehmen, wie die Abendzeitung kürzlich berichtete: http://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.gehalt-reicht-nicht-immer-mehr-muenchner-polizisten-brauchen-nebenjobs.e61a1f84-5798-4036-b740-252a67c18295.html

[5] Siehe https://interaktiv.morgenpost.de/mieten-grossstaedte-deutschland/

[6] Es gibt Menschen, die von Alkohol und anderen Drogen bei Aktionen dringend abraten. Das hat gute Gründe, immerhin kann es jederzeit passieren, dass es zu Übergriffen durch die Bullen kommt und da lohnt es sich dann meist schon, einen klaren Kopf zu haben. Das Für LⒶu Haus rät zu einem bewussten Umgang mit Rauschmitteln auf Aktionen. Das heißt, dass ihr im Hinterkopf haben solltet, dass durch ein Überschreiten der eigenen Grenzen auch andere Personen gefährdet werden können. Abgesehen davon ist eine ausschließliche Verfügbarkeit an alkoholischen Getränken all denen gegenüber, die Alkohol nicht konsumieren können oder wollen, diskriminierend.

Aktionskarte

Aktionskarte zur Besetzung der ehemaligen „Meinburk“ [PDF]

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